Montag, 8 Uhr, drei Situationen
Um acht Uhr meldet die Produktion einen Ausfall, der Kunde wartet auf eine Antwort bis Mittag. Um zehn Uhr sitzt du mit einer erfahrenen Projektleiterin zusammen, die ein neues Konzept vorstellt. Am Nachmittag führst du ein Gespräch mit einem jungen Teammitglied, das seit Wochen unsicher wirkt.
An einem einzigen Tag verlangen drei Situationen drei verschiedene Dinge von dir. Im ersten Fall braucht es eine klare Entscheidung. Im zweiten Fall ist Vertrauen gefragt, damit die Projektleiterin ihr Wissen voll einbringen kann. Im dritten Fall geht es um Zuwendung und Orientierung.
Genau hier setzt die Frage nach dem richtigen Führungsstil an. Viele Führungskräfte haben irgendwann gelernt, dass es einen bestimmten Stil gibt, der zu ihnen passt. Im Alltag zeigt sich dann, dass ein einziger Stil selten für alle Situationen trägt. In diesem Beitrag erfährst du, welche Führungsstile es gibt, wann welcher wirkt und warum wir bei Living Sense Executive von holistischer Führung sprechen, wenn es um die Verbindung der Stile geht.
Was ein Führungsstil ist
Ein Führungsstil beschreibt die typische Art, wie eine Führungskraft entscheidet, kommuniziert und mit ihren Mitarbeitenden umgeht. Er zeigt sich darin, wie viel Mitsprache du gewährst, wie stark du kontrollierst und wie du auf Fehler, Konflikte und Erfolge reagierst.
Jeder Mensch bringt eine Neigung zu einem bestimmten Stil mit. Sie entsteht aus der eigenen Persönlichkeit, aus Vorbildern und aus Erfahrungen, die sich bewährt haben. Diese Neigung ist wertvoll, weil sie dir Sicherheit gibt. Sie wird zur Grenze, sobald eine Situation etwas anderes verlangt, als du gewohnt bist.
Die klassischen Führungsstile nach Kurt Lewin
Die Unterscheidung von Führungsstilen geht auf den Psychologen Kurt Lewin zurück, der Ende der 1930er-Jahre drei Grundformen beschrieb.
- Autoritärer Führungsstil. Die Führungskraft entscheidet allein und gibt klare Anweisungen. Das schafft Tempo und Orientierung, besonders in Krisen. Auf Dauer sinken jedoch Eigeninitiative und Motivation, weil das Wissen des Teams ungenutzt bleibt.
- Kooperativer oder demokratischer Führungsstil. Die Führungskraft bezieht das Team in Entscheidungen ein und begründet ihre Haltung. Das stärkt Engagement und Qualität der Entscheidungen. Es braucht dafür mehr Zeit und eine Kultur, in der Meinungen offen geäussert werden.
- Laissez-faire-Führungsstil. Die Führungskraft hält sich weitgehend zurück und überlässt dem Team die Gestaltung. Bei sehr erfahrenen, selbstständigen Teams kann das gut funktionieren. Fehlt die Reife, entstehen Unsicherheit und Leerlauf.
Diese drei Grundformen sind bis heute hilfreich, um das eigene Verhalten einzuordnen. Für die Komplexität heutiger Organisationen reichen sie allein meist nicht mehr aus.
Moderne Führungsstile
In den vergangenen Jahrzehnten sind weitere Ansätze entstanden, die stärker auf Beziehung, Sinn und Entwicklung setzen.
Transformationale Führung
Der Historiker James MacGregor Burns und später der Organisationspsychologe Bernard M. Bass prägten den Begriff der transformationalen Führung. Transformationale Führungskräfte inspirieren ihr Team mit einer Vision, fördern die einzelnen Menschen individuell und regen sie an, eingefahrene Denkweisen zu hinterfragen. Sie wirken durch Vorbild und Glaubwürdigkeit.
Das Gegenstück ist die transaktionale Führung, die auf klaren Vereinbarungen, Zielen und Belohnungen beruht. Beide Ansätze schliessen sich nicht aus. Eine verlässliche transaktionale Basis gibt Sicherheit, die transformationale Ebene gibt Richtung und Energie.
Servant Leadership
Robert K. Greenleaf beschrieb 1970 die dienende Führung. Die Führungskraft versteht sich als jemand, der dem Team dient: Sie räumt Hindernisse aus dem Weg, hört zu und fördert das Wachstum der Menschen. Servant Leadership wirkt besonders in wissensintensiven Umfeldern, in denen die Mitarbeitenden fachlich oft mehr wissen als ihre Vorgesetzten.
Situative Führung
Paul Hersey und Ken Blanchard entwickelten das Modell der situativen Führung. Es geht davon aus, dass der passende Stil vom Reifegrad der Mitarbeitenden abhängt. Wer neu in einer Aufgabe ist, braucht klare Anleitung. Wer sie beherrscht, braucht Vertrauen und Freiraum. Die Führungskraft passt ihr Verhalten also bewusst an die Person und die Aufgabe an.
Agile Führung
Agile Führung stammt aus der Softwareentwicklung und überträgt deren Prinzipien auf die Führung: kurze Zyklen, Selbstorganisation der Teams und eine Führungskraft, die Rahmen setzt und den Weg für das Team frei macht. Sie eignet sich für Umfelder mit hoher Unsicherheit und schnellen Veränderungen.
Welcher Führungsstil ist der beste?
Diese Frage hören wir in unseren Ausbildungen und Coachings oft. Die Forschung antwortet klar: Wirksam ist, wer mehrere Stile beherrscht. Der Psychologe Daniel Goleman hat in einer viel beachteten Studie gezeigt, dass die wirksamsten Führungskräfte mehrere Stile beherrschen und je nach Situation zwischen ihnen wechseln.
Entscheidend ist also deine Fähigkeit zu erkennen, was eine Situation gerade braucht. Ebenso wichtig ist die innere Freiheit, darauf passend zu antworten. Bei einem Produktionsausfall hilft eine klare Ansage. Bei einer erfahrenen Projektleiterin hilft Vertrauen. Bei einem verunsicherten Teammitglied helfen Zeit und echtes Interesse.
Was holistische Führung anders macht
An dieser Stelle setzt die holistische Führung an, die im Zentrum unserer Arbeit bei Living Sense Executive steht. Holistisch bedeutet ganzheitlich. Holistische Führung ist eine Haltung, aus der heraus du die Stile bewusst einsetzt.
Sie verbindet drei Ebenen der Führung:
- Selbstführung. Du kennst deine eigenen Muster, Antreiber und blinden Flecken. Du merkst, wann du aus Gewohnheit autoritär wirst oder dich aus einem Konflikt zurückziehst.
- Menschenführung. Du nimmst wahr, was die Menschen in deinem Team brauchen. Deine Führung passt du an ihre Entwicklung an.
- Organisatorische Führung. Du verstehst die Dynamik des gesamten Systems mit Kultur, Strukturen und Zielen. Daran richtest du deine Entscheidungen aus.
Holistisch führende Menschen fragen sich vor einer Entscheidung: Was braucht diese Situation, was braucht dieser Mensch und was braucht das Unternehmen? Aus der Antwort wählen sie den passenden Stil. Diese Fähigkeit macht Führung beweglich, ohne dass sie beliebig wird.
Mehr über die Grundlagen liest du im Beitrag Die Magie der holistischen Führung und im Beitrag Nutzen der holistischen Führung.

Ein Muster aus der Praxis
In der Begleitung von Geschäftsleitungen beobachten wir ein wiederkehrendes Muster. Führungskräfte, die über viele Jahre mit einem bestimmten Stil erfolgreich waren, halten an ihm fest, auch wenn sich das Umfeld verändert hat. Ein Bereichsleiter, der mit klaren Vorgaben ein Team durch eine Restrukturierung geführt hat, führt zwei Jahre später noch immer im Krisenmodus. Das Team ist längst stabil und bereit für mehr Verantwortung, erhält sie aber nicht.
Hilfreich ist es, den bewährten Stil zu behalten, das Repertoire zu erweitern und bewusster zu wählen. Oft reicht eine einfache Frage nach jedem wichtigen Gespräch: Habe ich gerade so geführt, wie es die Situation brauchte, oder so, wie ich es gewohnt bin?
So findest du heraus, welcher Stil dir liegt
Bevor du dein Repertoire erweiterst, lohnt sich ein klarer Blick auf deine Neigung. Drei Fragen helfen dabei:
- Wie entscheidest du unter Druck? Unter Zeitdruck greifen fast alle Menschen auf ihren bevorzugten Stil zurück. Wer dann allein entscheidet, neigt zum autoritären Stil. Wer dann alle einbeziehen will, neigt zum kooperativen.
- Wie reagierst du auf Fehler? Suchst du zuerst die Ursache bei Personen oder im Prozess? Deine Reaktion zeigt viel über deine Haltung.
- Was sagen andere über deine Führung? Feedback aus dem Team oder ein Gespräch mit einem Coach zeigen Muster, die von innen kaum sichtbar sind.
Drei Schritte zu mehr Beweglichkeit in der Führung
- Beobachte dich zwei Wochen lang. Notiere nach wichtigen Gesprächen in einem Satz, welchen Stil du gewählt hast und wie das Gegenüber reagiert hat.
- Probiere bewusst einen anderen Stil aus. Wähle eine Situation mit geringem Risiko, etwa eine Teamsitzung mit sonst klarer Richtung von dir. Lass dort zuerst das Team Vorschläge machen.
- Reflektiere mit jemandem von aussen. Ein Sparring mit einem Coach oder Mentor hilft dir, die Erfahrungen einzuordnen und neue Muster zu verankern.
Holistische Führung lernen
Wer seine Führung auf eine breitere Basis stellen will, findet bei Living Sense Executive in Zürich passende Wege. Das Cert. Holistic und Mindful Leader baut entscheidende Führungskompetenzen auf, allen voran die Fähigkeit zur Selbststeuerung und Klarheit über die eigenen Entscheidungen. Für eine persönliche Begleitung steht dir das Coaching für Führungskräfte offen.
Fazit: Der beste Stil ist der, der zur Situation passt
Führungsstile sind Werkzeuge. Autoritär, kooperativ, transformational oder dienend: Jeder Stil hat seine Stärken und seine Grenzen. Wirksame Führungskräfte zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Situation lesen und bewusst wählen. Holistische Führung gibt dir dafür die nötige Haltung, weil sie bei dir selbst beginnt und das ganze System im Blick behält.
Häufige Fragen zu Führungsstilen
Welche Führungsstile gibt es?
Die klassischen Führungsstile nach Kurt Lewin sind der autoritäre, der kooperative und der Laissez-faire-Stil. Dazu kommen moderne Ansätze wie transformationale Führung, Servant Leadership, situative Führung und agile Führung.
Welcher Führungsstil ist der beste?
Am besten wirkt der Stil, der zur Situation passt. Studien zeigen, dass die wirksamsten Führungskräfte mehrere Stile beherrschen und sie je nach Situation, Person und Aufgabe wechseln.
Was ist transformationale Führung?
Transformationale Führung inspiriert Mitarbeitende mit einer Vision, fördert sie individuell und regt sie zum eigenständigen Denken an. Die Führungskraft wirkt vor allem durch Vorbild und Glaubwürdigkeit.
Was bedeutet Servant Leadership?
Servant Leadership oder dienende Führung versteht die Führungskraft als jemanden, der dem Team dient. Sie räumt Hindernisse aus dem Weg, hört zu und fördert das Wachstum der Mitarbeitenden.
Was ist holistische Führung?
Holistische Führung verbindet Selbstführung, Menschenführung und organisatorische Führung. Sie ist eine Haltung, aus der heraus du die verschiedenen Führungsstile bewusst und passend zur Situation einsetzt.
Kann man seinen Führungsstil ändern?
Ja. Die eigene Neigung bleibt meist bestehen, das Repertoire lässt sich jedoch erweitern. Dabei helfen Selbstbeobachtung, Feedback und eine begleitende Ausbildung oder ein Coaching.