Was wir von Maya Eden, Ökonomieprofessorin an der Universität Zürich, lernen können
– und warum Coaching dabei entscheidend ist

Wir leben in einer Zeit, in der Entscheidungen immer komplexer werden. Fast jede politische, wirtschaftliche oder organisationale Weichenstellung produziert Gewinner und Verlierer. Wer bekommt mehr Unterstützung? Wer trägt die Kosten? Wessen Zukunft wird stärker gewichtet? Und vor allem: Was ist eigentlich fair?

Genau hier setzt der UZH-Beitrag „Gerechte Entscheide kalkulieren“ an. Darin wird die Arbeit der Ökonomin Maya Eden vorgestellt, die an der Universität Zürich erforscht, wie sich politische Entscheidungen nicht nur effizient, sondern auch gerecht beurteilen lassen. Ihre zentrale Botschaft ist ebenso einfach wie unbequem. Entscheidungen sind nie rein technisch. Hinter jeder scheinbar nüchternen Berechnung stehen immer auch ethische Annahmen darüber, was zählt, wessen Interessen wie stark gewichtet werden und welche Form von Ungleichheit wir als Gesellschaft akzeptieren.

Der große Wert dieses Ansatzes liegt in seiner Klarheit. Eden zeigt, dass Fairness nicht dem Zufall, dem Zeitgeist oder dem lautesten politischen Lager überlassen werden sollte. Stattdessen braucht es transparente Kriterien, mit denen Zielkonflikte offen benannt und nachvollziehbar bewertet werden können. Gerade in einer polarisierten Welt ist das ein hochrelevanter Gedanke. Nicht jede Entscheidung wird alle glücklich machen. Aber sie kann zumindest so getroffen werden, dass ihre Begründung verständlich, konsistent und verantwortbar ist.

Wissenschaftlich ist dieser Gedanke tief in der Wohlfahrtsökonomie verankert. In ihrem Beitrag “Welfare Analysis with Heterogeneous Risk Preferences” untersucht Maya Eden, wie gesellschaftliche Wohlfahrt bewertet werden kann, wenn Menschen unterschiedlich mit Risiko umgehen. Die Arbeit macht deutlich, dass die klassische Verbindung von Ungleichheitsaversion und individueller Risikoeinstellung nicht einfach übernommen werden kann, sobald diese Unterschiede zwischen Menschen ernst genommen werden. Anders gesagt: Schon die Frage, wie wir „gute“ oder „gerechte“ Ergebnisse bewerten, ist normativ anspruchsvoller, als viele Standardmodelle annehmen.

Noch deutlicher wird das in ihrer späteren Arbeit “The Cross-Sectional Implications of the Social Discount Rate”. Dort zeigt Eden, dass die Frage, wie stark wir zukünftige Generationen berücksichtigen sollen, eng mit einer anderen Frage verknüpft ist und wie wir Interessen zwischen heutigen Altersgruppen gewichten. Wer also behauptet, man könne politische Entscheidungen objektiv und neutral „durchrechnen“, unterschätzt, wie stark solche Berechnungen von Werturteilen geprägt sind. Selbst dort, wo mit Modellen, Kennzahlen und mathematischen Formeln gearbeitet wird, geht es letztlich auch um ethische Prioritäten.

Und genau an diesem Punkt wird Coaching hoch relevant.

Denn gerechte Entscheidungen entstehen nicht allein aus Daten, Modellen und Kennzahlen. Sie brauchen Menschen, die fähig sind, mit Ambivalenz umzugehen, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen und die eigenen Wertannahmen kritisch zu reflektieren. Coaching schafft dafür einen Raum. Es hilft Führungskräften, Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger und Teams, nicht vorschnell in einfache Lösungen zu flüchten, sondern die eigentlichen Spannungsfelder sichtbar zu machen. Effizienz versus Gerechtigkeit. Gegenwart versus Zukunft. Eigeninteresse versus Gemeinwohl.

Coaching wirkt in diesem Prozess auf mehreren Ebenen. Erstens fördert es Selbstreflexion. Wer Entscheidungen trifft, sollte erkennen können, welche persönlichen Prägungen, Überzeugungen oder impliziten Vorannahmen das eigene Urteil beeinflussen. Zweitens stärkt Coaching die Perspektivenfähigkeit. Gerechte Entscheidungen setzen voraus, dass nicht nur die eigene Sicht, sondern auch die Betroffenheit anderer ernst genommen wird. Drittens unterstützt Coaching die Fähigkeit, Komplexität auszuhalten. Gerade in Führungsrollen ist der Druck groß, schnell, klar und souverän zu entscheiden. Doch echte Fairness braucht oft zuerst die Bereitschaft, Unsicherheit und Zielkonflikte nicht zu verdrängen. Und viertens verbessert Coaching die kommunikative Qualität von Entscheidungen: Menschen akzeptieren auch schwierige Entscheide eher, wenn sie erleben, dass diese transparent, nachvollziehbar und respektvoll begründet wurden.

Damit wird Coaching nicht zum „weichen Gegenpol“ der Wissenschaft, sondern zu ihrer praktischen Ergänzung. Die Forschung von Maya Eden liefert Instrumente, um ethische Konflikte in Entscheidungen systematisch zu analysieren. Coaching unterstützt den menschlichen Prozess, mit genau diesen Konflikten verantwortungsvoll umzugehen. Wissenschaft gibt die Struktur – Coaching ermöglicht die Integration.

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Gerechte Entscheidungen brauchen nicht nur kluge Modelle, sondern auch reife Menschen. Wer Verantwortung trägt, muss mehr können, als Zahlen lesen. Er oder sie muss Spannungen halten, Werte klären, Folgen abschätzen und Entscheidungen so kommunizieren, dass daraus nicht nur Effizienz, sondern auch Legitimität entsteht.

In einer Zeit, in der Vertrauen in Institutionen, Führung und politische Prozesse zunehmend fragil wird, ist das keine Nebensache. Es ist zentral. Vielleicht ist genau das die eigentliche Zukunftskompetenz: nicht nur entscheiden zu können, sondern gerecht entscheiden zu lernen.